Gedanken und Einfälle III - Kunst und Literatur - Safon.org

Gedanken und Einfälle III - Kunst und Literatur

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Heinrich Heine:

Gedanken
und Einfälle

I. Persönliches.
II. Religion und Philosophie.
III. Kunst und Literatur.
IV. Staat und Gesellschaft.
V. Frauen, Liebe und Ehe.
VI. Vermischte Einfälle.
VII. Bilder und Farbenstriche.


Ein Buch will seine Zeit, wie ein Kind. Alle schnell in wenigen Wochen geschriebenen Bücher erregen bei mir ein gewisses Vorurteil gegen den Verfasser. Eine honette Frau bringt ihr Kind nicht vor dem neunten Monat zur Welt.


Dem Dichter wird während des Dichtens zumute, als habe er, nach der Seelenwanderungslehre der Pythagoräer, in den verschiedensten Gestalten ein Vorleben geführt -- seine Intuition ist wie Erinnerung.


Eine Philosophie der Geschichte war im Altertum unmöglich. Erst die Jetztzeit hat Materialien dazu: Herder, Bossuet usw. -- Ich glaube, die Philosophen müssen noch Tausend Jahr warten, ehe sie den Organismus der Geschichte nachweisen können; bis dahin, glaube ich, nur volgendes ist anzunehmen. Für Hauptsache halte ich: die menschliche Natur und die Verhältnisse (Boden, Klima, übergelieferte Gesetzgebung, Krieg, unvorhergesehene und unberechenbare Bedürfnisse), beide in ihrem Konflikt oder in ihrer Allianz geben den Fond der Geschichte, sie finden aber immer ihre Signatur im Geiste, und die Idee, von welcher sie sich repräsentieren lassen, wirkt wieder als Drittes auf sie ein; das ist hauptsächlich in unseren Tagen der Fall, auch im Mittelalter. Shakespeare zeigt uns in der Geschichte nur die Wechselwirkung von der menschlichen Natur und den äußern Verhältnissen -- die Idee, das Dritte, tritt nie auf in seinen Tragödien; daher eine viel klarere Gestaltung und etwas Ewiges, Unwandelbares in seinen Entwicklungen, da das Menschliche immer dasselbe bleibt zu allen Zeiten. Das ist auch der Fall bei Homer. Beider Dichter Werke sind unvergänglich. Ich glaube nicht, daß sie so gut ausgefallen wären, wenn sie eine Zeit darzustellen gehabt hätten, wo eine Idee sich geltend machte, z. B. im Beginne des aufkommenden Christentums, zur Zeit der Reformation, zur Zeit der Revolution.


Bei den Griechen herrschte Identität des Lebens und der Poesie. Sie hatten daher keine so großen Dichter wie wir, wo das Leben oft den Gegensatz der Poesie bildet. Shakespeares große Zeh' enthält mehr Poesie als alle griechischen Poeten, mit Ausnahme des Aristophanes. Die Griechen waren große Künstler, nicht Dichter; sie hatten mehr Kunstsinn als Poesie. In der Plastik leisteten sie so Bedeutendes, eben weil sie hier nur die Wirklichkeit zu kopieren brauchten, welche Poesie war und ihnen die besten Modelle bot.


Wie die Griechen das Leben blühend und heiter darstellten und zur Aussicht gaben die trübe Schattenwelt des Todes, so hingegen ist nach christlichen Begriffen das jetzige Leben trüb und schattenhaft, und erst nach dem Tod kommt das heitre Blütenleben. Das mag Trost im Unglück geben, aber taugt nicht für den plastischen Dichter. Darum ist die Ilias so heiter jauchzend, das Leben wird um so heiterer erfaßt, je näher unsre Abfahrt zur zweiten Schattenwelt, z. B. von Achilles.


Die Griechen gaben dem Christentum die Kunst: -- Kunst des Wortes (Dogmatik und Mythologie) und Kunst der Sinne (Malerei und Baukunst). Die gotische ist weiter nichts als kranke Kunst. Als ich im Dom von Toulouse (St.-Sernin) doppelt sah, sah ich das Zentrum gebrochen in der Mitte und begriff die Entstehung des gotischen Spitzbogens aus dem römischen Kreisbogen.


Kunstwerk.

Das sichtbare Werk spricht harmonisch den unsichtbaren Gedanken aus; daher ist auch Lebekunst die Harmonie des Handelns und unsrer Gesinnung.


Schön ist das Kunstwerk, wenn man das Göttliche sich dem Menschlichen freundlich zuneigt -- Diana küßt Endymion: erhaben, wenn das Menschliche sich zum Göttlichen gewaltsam emporhebt -- Prometheus trotzt dem Jupiter, Agamemnon opfert sein Kind. Die Christusmythe ist schön und erhaben zugleich.


In der Kunst ist die Form alles, der Stoff gilt nichts. Staub berechnet für den Frack, den er ohne Tuch geliefert, denselben Preis, als wenn ihm das Tuch geliefert worden. Er lasse sich nur die Fasson bezahlen, und den Stoff schenke er.


Meir kjem - Noch nicht fertig...

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